Raus aus den Museen! Rein in die Museen! – Digitalisierte Museumsbestände und das Urheberrecht

Foto von Ryan McGuire (http://www.gratisography.com)

Foto von Ryan McGuire (http://www.gratisography.com)

Das Verhältnis von Museen zum Digitalen war und ist so ungeklärt wie vielfältig.

Die Aufbruchstimmung, Museen verschiedenster Coleur virtuell besuchen zu können war einst geprägt von Euphorie auf der Seite der Internetaffinen und panischer Ablehnung auf der Seite der Museumsbetreiber. Natürlich bestätigen auch hier die Ausnahmen die Regeln, denn nicht alle Museen fühlten sich von der Idee, die eigenen Bestände zu digitalisieren und der Öffentlichkeit über das Internet zugänglich zu machen, bedroht.

Pilotprojekte wie z.B. die Karlsruher Türkenbeute im Badischen Landesmuseum aus dem Jahr 2003 (01/2002-03/2003), bei dem 150 Exponate zum Teil in sehr hoher Auflösung und über ein inzwischen nicht mehr funktionierendes PlugIn in 3D betrachtet werden konnten, verwaisen nach dem Förderzeitraum und dem ersten Hype leider zusehends.

Auch die einst so innovative virtuelle Plattform Second Life (all diejenigen, die zu jung sind, um SL zu kennen … einfach mal auf der Wikipedia nachlesen) realisierte und bewarb vor vielen Jahren virtuelle Museumsbesuche. Eine aktuelle Liste der digitalen Kunst und Museen auf Second Life findet sich hier.

Wenn ein Internet-Hype bereits über zehn Jahre alt ist, liegt die Vermutung nahe, dass man ihn getrost zur Internet-Geschichte zählen und abhaken kann. Doch im Falle der digitalen Museen verhält es sich anders. Neben dem Übergang realer Museumshäuser in den virtuellen Raum (museum-digital hat hierzu eine umfangreiche Sammlung zusammengestellt) liegt der eigentliche Nutzen darin, das Kulturerbe der Menschheit auf eine Weise zugänglich zu machen, die neben einer gewissen Bequemlichkeit für den Besucher, noch weitaus mehr Funktionen erfüllen kann. Die Beschäftigung mit Museen und ihrer Artefakte selbst hat hierbei schon längst einen festen Platz im Netz, wie z.B. der Blog MusErMeKu.

Doch konfliktfrei ist das Ansinnen, Kulturerbe zu einem ubiquitären, digitalen Gut zu erklären, nicht. Auch wenn es der Auftrag von Museen ist, Kulturgut der Allgemeinheit zugänglich zu machen und zu bewahren, ist die Verbreitung von 2- oder 3-D Abbildern oder Rekonstruktionen juristisch nicht immer so einfach zu klären. Manche Museen wollen ihre Bestände digitalisieren und lizenzfrei der Öffentlichkeit zugänglich machen, andere Häuser versuchen die Kontrolle über „ihre“ Artefakte zu behalten und lehnen einen uneingeschränkten Zugang kategorisch ab. Zwischen diesen beiden Haltungen finden wir eine breite Palette an Kompromisslösungen und Sonderwegen.

Mona Lisa

Foto via Visual hunt

Vor allem finanzielle und juristische (die alsbald wieder zu finanziellen werden) Beweggründe treten bei der Überlegung, Abbilder in die digitale Welt zu entlassen in den Vordergrund und hemmen den Transformationprozess, der z.B. auch durch die von namhaften Persönlichkeiten unterzeichneten Hamburger Note Unterstützung findet. Ein Beispiel, wie ungeklärt die Verwendung des digitalen Abbildes eines materiellen Museumsartefakts ist, zeigt die Klage des Reiss-Engelhorn-Museums Mannheim gegen Wikipedia. Auch wenn die Entscheidung, wie auch immer sie ausfallen mag, Signalcharakter haben wird, wird sie eine Einzelfallentscheidung bleiben und keineswegs über das Scheitern oder die Beschleunigung des öffentlich zugänglichen, digitalen Kulturerbes entscheiden.

Nicht gerade einfacher macht es die Tatsache, dass jeder Staat eigene Regelungen zu diesem Thema hat bzw. nicht hat. In Deutschland kommt es verkomplizierend hinzu, dass Kulturangelegenheiten Ländersache sind, das Urhebergesetz aber bundesweit Gültigkeit hat. Assoziationen von Don Quijote, Sisyphos und den Schildbürgern kommen einem hier schnell in den Sinn.

Doch in einem „gallisches Dorf“ scheint sich Widerstand zu regen …
Nun, eigentlich handelt es sich hier um das bevölkerungsreichste Bundesland: Nordrhein-Westfalen. Die CDU-Fraktion stellte am 08.12.2015 im Landtag Nordrhein-Westfalens den folgenden Antrag: „Den Reichtum unserer Museen in Nordrhein-Westfalen durch Digitalisierung besser sichtbar machen – praxistaugliches Urheberecht zur Digitalisierung von Museumsbeständen einführen!“ (pdf). In der öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Kultur und Medien wurden in Düsseldorf am 07.04.2016 Expertinnen und Experten zu diesem Thema angehört. Die eingegangenen schriftlichen Stellungnahmen können hier nachgelesen werden und der Großteil der Anhörung wurde per Video aufgezeichnet. Bei Twitter findet man über den Hashtag #musdignw einige Kommentare zur Anhörung.

Prof. Dr. Thomas Dreier (Institut für Informations- und Wirtschaftsrecht, Karlsruher Institut für Technologie), Prof. Dr. Hubertus Kohle (Institut für Kunstgeschichte, Ludwigs-Maximilians-Universität, München), Frank Frischmuth (Deutsche Digitale Bibliothek, Berlin), Christian Rickerts (Wikimedia, Berlin), Kilian Kluge (Wikipedia, Berlin), Raimond Spekking (Wikipedia, Berlin), Dr. Paul Klimpel (iRights.Law, Berlin), Dr. Hagen W. Lippe-Weißenfeld (Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf), Heinz-Jürgen Bokler (Städel Museum, Frankfurt am Main) und Dr. Helge David (openmuseum.de, Bonn) erläuterten die komplexe Sachlage vor den Mitgliedern des Landtags und standen dem Ausschuss Rede und Antwort. Sie wurden von den weiteren anwesenden Sachverständigen RAin Veronika Fischer (Institut für Informations- und Wirtschaftsrecht, Karlsruher Institut für Technologie), Dr. Ralf Schneider (Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft und Studium Generale, Karlsruher Institut für Technologie), Christian Bracht (Bildarchiv Foto, Philipps-Universität Marburg), Gisela Schulte-Dornberg (Digitales Kunst- und Kulturarchiv Düsseldorf, Düsseldorf) und Tim Moritz Hector (Wikimedia, Berlin) unterstützt.

Die Fazits, die gezogen werden können, besagen (vom Großen zum Kleinen hin), dass eine grundlegende Änderung der Sachlage am ehesten durch eine Novellierung des deutschen Urheberrechtsgesetzes (und den anderen mit deutschen Urheberrecht korrespondieren Gesetzbüchern) hervorgerufen werden könnte, das allerdings im Einklang mit der europäischen Rechtssprechung zu modifizieren wäre. Eine nicht ganz triviale, aber auch nicht unmögliche Aufgabe, wie im Landtag NRW zu hören war.

Fotografierverbot_kl

Von Stefan-Xp – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6097158

Weiterhin liegt der Ball bei den Bundesländern, die in Kulturfragen durchaus Maßnahmen ergreifen könnten, um Gedächtniseinrichtungen wie Museen und Verwertungsgesellschaften zu unterstützen bzw. bei fehlender Bereitschaft für eine „digitale Öffnung“ (wie z.B. der Aufhebung von Fotografierverboten innerhalb der Mussen – vorrangig bei Dauerausstellungen, da Sonderausstellungen oftmals mit hohen Auflagen der verleihenden Einrichtung einhergehen), Unterstützung einschränken könnten – sprich: Fördermittel reduzieren.

Und nicht zuletzt müssen weiterhin Initiativen und Maßnahmen (wie z.B. Wikipedian in Residence und OpenGLAM) ergriffen und intensiviert werden, die sowohl die Museen selbst wie auch die Bürger dafür sensibilisieren, wie sinnvoll und wichtig es ist, das in deutschen Museen für die Öffentlichkeit ausgestellte und vor der Öffentlichkeit in Magazinen verborgene Kulturgut über digitale Kanäle (wie z.B. die Deutsche Digitale Bibliothek und die Europeana) uneingeschränkt der Welt zugänglich zu machen.

 

Vgl. hierzu auch den Band: Informationen der oeffentlichen Hand - Nomos Verlag 2016

Dreier, Thomas; Fischer, Veronika; van Raay, Anne; Spiecker gen. Döhmann, Indra (Hg.): Informationen der öffentlichen Hand – Zugang und Nutzung (=Studien zur Informationsfreiheit, 3). Baden-Baden: Nomos Verlag 2016.

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